Claus Roeting: Schnelligkeit und Wissen
27.01.2011
Es gibt Menschen, die lassen sich mit wenigen Worten beschreiben. Claus Roeting ist keiner von ihnen. Zu vielschichtig sind sein Charakter, seine Arbeitsweisen und sein Verhalten. Er liebt Überraschung und Provokation, ist aber gleichzeitig berechenbar, offen und ehrlich - sagen Geschäftsfreunde und Freunde.
Der gerade Weg ist nicht sein Ding. Geboren wurde er 1967 in Chiclayo, auch Stadt der Freundschaft genannt, in Peru, wo er auch die deutsche Alexander-von-Humboldt-Schule in Lima besuchte. Seine Eltern führten die Bosch-Vertretung im Andenstaat. Weil der Vater sehr früh starb, ging es zurück nach Deutschland. Hier hat er die höhere Handelsschule besucht, Speditionskaufmann gelernt, schließlich doch noch Abitur gemacht und European Business Studies studiert. Aber an der Uni hat man ihn nicht so oft gesehen. Lieber hat er nebenbei sein Unternehmen Crimex aufgebaut. Als er schließlich zwangsexmatrikuliert wurde, hatte er schon acht Mitarbeiter. Zu Beginn hat er Bikinis aus Brasilien importiert, doch schnell kamen andere Textilien hinzu. Größter Abnehmer war schnell die Love Parade: Von einem kleinen Straßenumzug der Westberliner Technoszene entwickelte sie sich im Laufe der 1990er-Jahre zu einem Massenspektakel. Auf ihrem Zenit 1999 meldeten die Veranstalter 1,5 Millionen Teilnehmer. Inzwischen war Roeting Exklusiv-Ausstatter für alle Merchandising-Aktivitäten geworden, und das drei Jahre lang. Es war schon „großes Kino", wie Roeting heute mit leichter Wehmut sagt. Aber wie in jedem Kino gingen auch bei der Love Parade eines Tages die Lichter aus. 2001 wurde ihr der Charakter als politische Veranstaltung aberkannt. In der Folge mussten Polizei und Müllentsorgung selbst gezahlt werden. Finanzielle Probleme kennzeichneten die Jahre bis zum Aus 2004. Dadurch geriet auch deren Merchandising- und Lizenzpartner Sunburst AG ins Wanken. Der gesamte Neue Markt pulverisierte sich in kurzer Zeit. Sunburst war, nicht nur über die Loveparade, Claus Roetings größter Kunde. Fast logisch, dass er sich auch finanziell daran beteiligte. Der Börsenwert von Sunburst lag schließlich bei 140 Millionen Euro. Doch im April 2001 meldete „der Spiegel": „Gewinnwarnung, Insiderhandel, Insolvenz - der Lizenzrechte-Vermarkter Sunburst ist das neueste Skandalunternehmen am Neuen Markt." Anstatt in ungeahnte Höhen ging es nun in dramatische Tiefen.
Fall und Aufstieg
Roeting hatte jahrelang rund um die Uhr „gerödelt". Und jetzt stand er mit Crimex vor einem Scherbenhaufen. Er hatte fünf Millionen Euro Außenstände, was gleichzeitig hieß, dass er fünf Millionen Euro Schulden bei den Banken hatte, nicht bei Lieferanten. Roeting verhandelte mit den Banken und blieb schließlich bei einer Million Euro persönlicher Verpflichtungen hängen. Schnell aktivierte er alte Marken-Kunden aus der Loveparade-Zeit und begann einfach dort, wo er schon einmal gestanden hatte - am Anfang. 2004 war er wieder so aufgestellt, dass er investieren konnte. Doch mittelständischer Werbeartikel-Händler mit lokaler, allenfalls regionaler Verbreitung wollte er nicht sein. Schon immer war er ein „Computerfreak", wie er selbst sagt, den fasziniert, in welchem Maß IT-Systeme bei intelligenter Programmierung Erkenntnisse liefern können.
Schnelligkeit und Wissen
Crimex kann heute innerhalb von 45 Sekunden ein detailliertes Angebot erstellen. Telefoniert der Berater mit einem Kunden, kann er äußerst flexibel agieren, denn er kann einzelne Positionen des Angebots verändern, etwa die im Hintergrund liegende Marge. Wohlgemerkt, es gibt sicher Unternehmer, die das auch händisch können, aber eben nur in einem überschaubaren Rahmen, nicht bei einem Umsatz, den Roeting in 2010 gerne über 10 Millionen Euro gesehen hätte, was nicht ganz gelungen ist. Der Markt erholt sich eben langsamer von der Krise, als er gedacht hatte.
Suchmaschinen und Menschen
Wer mit Claus Roeting ein Gespräch über sich und sein Unternehmen führt, der muss ihn schon mit aller Gewalt von Maus, Tastatur und Rechner trennen. Immer neue Tools zeigt er, mit denen er noch schneller am Kunden, noch näher an dessen Wünschen und noch besser verzahnt mit seinen Lieferanten sein kann. Er will aber auch nicht, dass man ihn für einen reinen Shop-Anbieter hält, bei ihm ist der Shop das Schaufenster und nur das Schaufenster. Aber das muss in der „Fifth Avenue" sein, womit er verdeutlichen will, dass eben nur wenige Schaufenster in der begehrtesten Reihe sein können. Auf Google umgesetzt heißt das ganz oben auf den ersten Plätzen. Dafür sorgen bei Crimex vier Programmierer, ein Suchmaschinen-Optimierer und im klassischen Bereich rund 30 Leute in Vertrieb, Verwaltung und Logistik.
Aufgestellt für mehr
Ganz besonders stolz ist Claus Roeting auf seinen jüngsten Coup. Mit einem Partner aus dem Logistik-Bereich hat er eine Software geschrieben und Logistik-Abläufe systematisiert, die ihn zum Full-Service-Logistiker für Gerry Weber gemacht haben. Unter dem Namen easylogics und der Marke Fullmex beliefert Roeting 6.000 Gerry-Weber-Shops weltweit. Genauer gesagt, hat er den Logistik- Part, ist aber nicht Lieferant. Die Zukunft findet Claus Roeting mehr als spannend. Er weiß, dass der Branche ein Strukturwandel ins Haus steht. So sieht er es zumindest. Wobei für ihn in diesem Prozess Schnelligkeit und Größe eine bisher ungeahnte Rolle spielen. Schnelligkeit und Größe erreicht man seiner Meinung nach nur, wenn man mit den neuesten Technologien aufgestellt und mit deren Möglichkeiten vertraut ist.

